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„Wir kämpfen gemeinsam für die Zukunft unserer Kinder“: Eltern werben um Unterstützung für die Sanierung des Hegel-Gymnasiums und der Robert-Koch-Realschule

Eine hochkarätige Veranstaltung mit Entscheidern aus Wirtschaft und Bildung stellte am Mittwoch, den 16.1.2019, 18.30 bis 20.15 Uhr im Hegel-Gymnasium in Stuttgart-Vaihingen,  den vorläufigen Höhepunkt einer Reihe von Aktionen dar. Initiiert wurden die Aktionen  durch die Elternbeiräte beider Schulen, mit dem Ziel, die Sanierungen der Schulen nach mehr als 10 Jahren Warten voranzutreiben:

  • Unterschriftensammlung mit Infostand vor der Vaihinger Schwabengalerie im April 2018
  • Protestmarsch mit über 400 Teilnehmern am 14.6.2018
  • Brief an den Ministerpräsidenten Kretschmann
  • Übergabe der Unterschriften von 2.621 Unterstützern am 16.10.2018 an OB Kuhn
  • Veranstaltung „Chefsache“ am 16.1.2019

Teilnehmer:
Thomas Bürkle, Geschäftsführer Bürkle + Schöck und Vizepräsident des baden-württembergischen Handwerkstags

Stefan Kölbl, Vorstandsvorsitzender Dekra

Prof. Dr. Ing. Wolfram Ressel, Rektor Universität Stuttgart

Heinrich Riethmüller, Geschäftsführer Osiandersche Buchhandlungen und Vorsteher des Börsenvereins des dt. Buchhandles

Prof. Dr. Marc Rüger, Direktor Fraunhofer Institut Stuttgart

Michael Schober, kaufm. Leiter Friedrich Scharr KG

Prof. Dr. Joachim Weber, Rektor DHBW Stuttgart

„Jetzt ist es Chefsache“: Mit diesen Worten endete der Film, den die Schülersprecher des Hegel-Gymnasiums und der Robert-Koch-Realschule über den Sanierungsbedarf an beiden Schulen gedreht und im Rahmen der Veranstaltung „Chefsache“ im Hegel-Gymnasium präsentiert haben.

Einleitend warf Frank Bäuerle, Rektor des Hegel-Gymnasiums, einen kritischen Blick auf den „Heilsbringer Digitalisierung“. Er vertrat die These, dass Schule eine Art „Teilzeit-Habitat“ darstellt, ein Ort, der heute mehr Aufgaben erfüllen muss, als den Schüler und Schülerinnen reines Fachwissen zu vermitteln. Schüler verbringen heute deutlich mehr Zeit an der Schule, wodurch dort mehr soziale Kommunikation stattfindet. Hinzu kommt, dass die Schülerschaft von größerer Heterogenität geprägt ist. Eine zeitgenössische Lernumgebung, die auch Raum für Rückzugsmöglichkeiten bietet, eröffnet die volle Ressourcenentfaltung sowie die Identifikation mit der eigenen Schule.

Vaihingen als zweitgrößter Stadtteil Stuttgarts hat mit dem Synergiepark Vaihingen-Möhringen das größte und leistungsfähigste Gewerbegebiet der Landeshauptstadt. Dennoch stoßen hier Gegensätze aufeinander: Moderne Hochglanzfassaden renommierter Unternehmen treffen auf marode, sanierungsbedürftige Bildungseinrichtungen. Das spiegelt sich auch im Alltag der Familien wieder; die Eltern verbringen ihren Arbeitstag in gut ausgestatteten Büroräumen, ihre Kinder den Schultag in zugigen Klassenzimmern mit Schimmel an den Wänden.

Diese Umstände haben dazu geführt, dass die Elternbeiräte beider Schulen seit mehr als 10 Jahren für die dringend benötigten Sanierungsmaßnahmen kämpfen.

Nach dem „Offenbarungseid“ der Schulbürgermeisterin Frau Fezer, die im Herbst 2017 den Schulen eröffnet hat, dass es zwar Geld, aber kein Personal zur Umsetzung der Sanierungsarbeiten gibt, waren Wut und Fassungslosigkeit groß. Beide Schulen, das Hegel-Gymnasium und die Robert-Koch-Realschule (mit der Pestalozzi-Werkrealschule und der Verbundschule Rohr beteiligt am Campus-Projekt) haben sich daraufhin Anfang 2018 zusammengeschlossen, um das Thema durch unterschiedliche Aktionen erneut ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und die Stadt an ihre Pflichten zu erinnern.

Diesen Hintergrund und die Maßnahmen stellte Mareike Häfner, Vorsitzende des Fördervereins der Robert-Koch-Realschule, den Gästen und dem Publikum vor. Unterstrichen wurde das Ganze durch den Film der Schülersprecher beider Schulen, getreu dem Motto „Bilder sagen mehr als Worte“.

Im Anschluss daran startete die Podiumsdiskussion der Gäste, moderiert von Gabriele Raff, der Elternbeiratsvorsitzenden des Hegel-Gymnasiums. Als Impuls dienten folgende Fragestellungen:

  • Warum ist gut ausgebildeter Nachwuchs wichtig für Unternehmen und Hochschulen?
  • Was macht die Attraktivität von Arbeitsplätzen aus? Die zunehmende Wichtigkeit von „soft facts“ wie bezahlbarem Wohnraum, optimaler Verkehrsanbindung, guter Infrastruktur und leistungsfähiger Bildungseinrichtungen.
  • Welche Erwartungen haben Unternehmen als Gewerbesteuerzahler an die Stadt?
  • Welchen Einfluss können Unternehmen auf die Umsetzungsgeschwindigkeit von Sanierungsprojekten ausüben?


„Der einzige Rohstoff, den wir haben, hängt zwischen zwei Ohren“ (Zitat Prof. Dr. Marc Rüger, Fraunhofer Institut“), bei den Beteiligten herrschte Einigkeit darüber, dass ein guter Bildungsstandard der Motor unserer Wirtschaft ist, und daher moderne und gut ausgestattete Bildungseinrichtungen benötigt werden.

Was ist der Grund dafür, dass gerade in Stuttgart als Landeshauptstadt so ein massiver Sanierungsstau entstehen konnte? Die Teilnehmer nannten zahlreiche Beispiele aus anderen Städten und Regionen, in denen sich die Situation besser darstellt.

Die geringe Beschlussfreudigkeit der Stuttgarter Kommunalpolitiker, das mangelnde Interesse des Stuttgarter Oberbürgermeisters an diesen Projekten, die Schwerfälligkeit von Verwaltung und Behörden hinsichtlich Planung und Umsetzung haben auch nach Meinung der Referenten die Misere verursacht.

Prof. Dr. Joachim Weber, Rektor der DHBW Stuttgart, konnte von vergleichbaren Erfahrungen in Bezug auf den Neubau der Fakultät für Technik und den Sitz der Verwaltung berichten. In diesem Zusammenhang stellte er die Frage „Wie motiviert man Entscheider zum Entscheiden?“.

Prof. Dr. Ing. Wolfram Ressel, Rektor der Uni Stuttgart, attestierte den Verantwortlichen gar „Schmerzfreiheit“, welche zu den „steinzeitlichen Zuständen in Baden-Württemberg“ geführt habe.

Gemeinsam mit Prof. Dr. Marc Rüger vom Fraunhofer Institut war er sich einig, dass Projekte eine bessere Chance auf Umsetzung haben, wenn sie eine konzeptionelle Attraktivität haben und als Prestigeprojekt von den Verantwortlichen genutzt werden können. Als Beispiel nannten sie die „Arena 2036“ am Uni-Campus, Bau und Ausstattung einer Forschungshalle, die die Arbeitsumgebung für die Automobil-Fabrik 4.0 darstellen soll. Prof. Rüger sprach davon, dass Projekte eine Leuchtturmfunktion, eine besondere Strahlkraft aufweisen müssen, vor allem, wenn man sich im Wettbewerb mit anderen Schulen, die in vergleichbarer Situation sind, befindet.

Das Campus-Projekt sollte diese Voraussetzungen mit seinem Konzept und der Planung für ein gemeinsames Lernhaus erfüllen. Allerdings kam auch die Frage auf, ob die Umsetzung von Sanierungsmaßnahmen nicht auch ohne diese Strahlkraft und den Druck aus der Elternschaft geleistet werden muss.

Was die politische Entscheidungsmacht betrifft, so berichtete Heinrich Riethmüller, Geschäftsführer der Osianderschen Buchhandlungen und Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, von Eindrücken aus seiner Heimatstadt Tübingen. Unter dem Motto „Tübingen macht blau“ startete der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer eine städtische Kampagne zur Förderung des Klimaschutzes und bezog dort auch maßgeblich die Sanierung von Bildungseinrichtungen mit ein.

Stefan Kölbl, Vorstandsvorsitzender von Dekra empfahl alle konstruktiven Kräfte zu bündeln, den Schulterschluss mit Wirtschaft und Forschung zu suchen und die relevanten Themen mit anderen Leidtragenden zu teilen; denn eine angemessene Infrastruktur steht auch bei Schulen im Vordergrund. Strategische Partnerschaften und zukunftsweisende Konzepte sind für ihn der Schlüssel zum Erfolg.

Hier warf Thomas Bürkle, Geschäftsführer des Elektrotechnikunternehmens Bürkle + Schöck und Vizepräsident des baden-württembergischen Handwerkstages, ein, dass auf Grund der Trägheit der Behörden, die ursprünglich innovativen Konzepte zum Zeitpunkt der Umsetzung bereits überholt sein werden. Sein Unternehmen unterhält eine Bildungspartnerschaft mit der Robert-Koch-Realschule und ist im Bereich der Nachwuchsförderung sehr aktiv. Er signalisierte starke Bereitschaft, weitere Vaihinger Unternehmen mit ins Boot zu holen.

Ähnlich gestaltete sich die Sicht bei der Friedrich Scharr KG, die durch ihren kaufmännischen Leiter Michael Schober repräsentiert wurde. Dort werden Schüler, begleitet durch die firmeneigene Personalabteilung, auf ihre Bewerbung in Unternehmen vorbereitet. Das Unternehmen hat seit 2007 eine Bildungspartnerschaft mit der Robert-Koch-Realschule. Er berichtete darüber, dass die jüngeren Mitarbeiter der Scharr KG auch anspruchsvoller in Bezug auf die Gestaltung der Arbeitsplätze geworden sind und betrachtet es als Aufgabe des Unternehmens, diesen Wünschen auch zu entsprechen.

Die Veranstaltung endete mit der Erkenntnis, dass die beteiligten Unternehmen und Bildungsreinrichtungen zum Schulterschluss mit den betroffenen Schulen bereit sind. Alle Teilnehmer haben die Notwendigkeit erkannt, aktiv zu werden und das Thema Bildung und die Attraktivität von Bildungseinrichtungen zu forcieren. Dazu wurden erste gemeinsame Projekte avisiert, der Startschuss für weitere vertiefende Gespräche ist gefallen.

Alle Beteiligten werteten den Abend als gelungene Veranstaltung, das Thema ist jetzt wirklich „Chefsache“!